Zirkumpolargebiete - eine Standortbestimmung
Verena Traeger

Zirkumpolar bedeutet die Welt vom Nordpol aus zu betrachten, wo sich um das Nordpolarmeer die Anrainerregionen Nordskandinavien mit Spitzbergen, das zu Norwegen gehört, der Norden Russlands, der US Bundesstaat Alaska, der Norden Kanadas sowie Grönland, das seit 1979 innerhalb des dänischen Königreichs ein Selbstregierungsabkommen hat, und Island, das 1944 als unabhängige demokratische Republik ausgerufen wurde, gruppieren.
Indigene Subsistenz
In diesen unendlichen Weiten im äußersten Norden der Welt herrschen hocharktische, arktische und subarktische Klimaverhältnisse. Den vielen indigenen Kulturen, die sich seit Jahrtausenden in diesen kältesten Zonen der Erde herausgebildet haben, ist eine enorme Anpassungsfähigkeit an extremste Lebensbedingungen und daraus resultierend auch eine elementare Abhängigkeit von einer intakten Umwelt gemein.
Die heute rund 155.000 Inuit (gemeint sind auch Yuit, Yupiit, Inupiat, Inuvialuit etc.), deren Interessen international seit 1977 durch ICC (Inuit Circumpolar Council) vertreten werden, haben nur als reine Jägerkulturen in der Arktis und Hocharktis – ihr Lebensraum erstreckt sich von der Tschuktschenhalbinsel, dem östlichsten Punkt Asiens bzw. Sibiriens, den Inseln und Küsten Alaskas, über den kanadischen Norden bis nach Grönland – überlebt. Abgesehen von Inlandgruppen wie den Karibuinuit oder Kupferinuit in der Zentralarktis, die von der Landjagd vor allem auf Karibus lebten, waren bzw. sind Inuitkulturen küstenorientiert und von der Seesäugerjagd, also der Jagd auf Wale, Walrosse und Robben abhängig. Bis heute garantiert das Omega-3-Fettsäuren-haltige Seesäugerfleisch die Allgemeine Gesundheit von Inuitgesellschaften. Der hohe Selen Gehalt gleicht sogar die extreme Quecksilber- und PCB-Belastung des Fleisches aus.
Die meisten anderen Gruppen wie die Saami – rund 75.000 leben in Norwegen, Schweden und Finnland sowie 2.500 auf der Halbinsel Kola in Russland – die vom Saami Council vertreten werden, oder die vielen Gruppen des russischen Nordens und Fernen Ostens (rund 200.000 Personen), die seit 1990 unter RAIPON (Russian Association of Indigenous Peoples of the North, Siberia and Far East) organisiert sind – darunter Tschuktschen, Itelmenen, Korjaken, Nenzen, Chanten, Dolganen, Mansen, Ewenen und Ewenken – haben als nomadisierende Rentierzüchter überlebt und damit eine subsistenzielle Abhängigkeit von ihren Herden herausgebildet. In den subarktischen Wäldern des nordamerikanischen Kontinents wiederum war es für Dene und Nordalgonkin Gruppen nur möglich von Jagd und Fallenstellerei auf Waldtiere gepaart mit Fischfang und Sammelwirtschaft zu überlebe

Umweltfragen und Ressourcenabbau
Auch im hohen Norden stehen militärische und wirtschaftliche Interessen dem Schutze der Umwelt diametral gegenüber. Umweltstandards und indigene Land- und Jagdrechte werden oft ignoriert, um die reichen Bodenschätze rücksichtslos und in großem Maßstab abbauen zu können. In den arktischen Gewässern sind es vor allen reiche Erdöl- und Erdgasvorkommen (z.B. in der Beaufortsee, Davidsstraße, Barentssee oder Karasee), die internationale Konzerne anlocken. Als tickende Zeitbomben durchschneiden gigantische Pipelines wie die Trans Alaska Pipeline von der Prudhoe Bai in der North Slope Region bis zum Ölverladehafen Valdez am Prinz William Sund die arktische Tundra. Die größten Erdöl- und Erdgasvorkommen der Welt sollen in Sachalin im Fernen Osten Russlands liegen. Leidtragende sind hier Niwchen, Nanai, Oroken und Ewenken, die von Rentierhaltung und Fischfang leben. Ebenso sind auf Kamtschatka Itelmenen, Korjaken, Ewenen und Aleuten direkt vom Erdölabbau betroffen. „Der neue Reichtum Kanadas“ (GfBV Bericht 2006, S.68) liegt auch im Abbau von Teersand zur Erdölgewinnung.
Daneben locken die reichen Gold- und Diamantenvorkommen – allein zwei Drittel der Goldreserven Russlands befinden sich in Sibirien, der „Schatzkammer Russlands“– internationale Spekulanten in die entlegensten Gebiete der Arktis. Gleichzeitig werden die reichen Fischvorkommen arktischer Gewässer, die als letzte Fischreserven dieser Welt gelten, von großen Trawlerflotten schamlos abgefischt und die borealen Wälder, die mehr als ein Drittel der weltweiten Waldbestände darstellen und einen grünen Gürtel um die Nordhalbkugel bilden, durch Holzschlag für die Papierindustrie, Pipelineprojekte, Ressourcenabbau und Privatisierungen bedroht. Darüber hinaus bringen Luft- und Meeresströmungen Pestizide und andere Schadstoffe ungehindert in die Arktis, wo sie in den Meerestieren und im Eis abgelagert werden.
Militärische Interessen und rascher Kulturwandel
Die Indigenen der Zirkumpolargebiete, deren Lebensraum im Zuge des Zweiten Weltkrieges und in Zeiten der kalten Kriege ins Zentrum militärischer Strategen gerückt ist, waren einem raschen Kulturwandel ausgesetzt, der in der Regel in kultureller Entwurzelung und Identitätsverlust, Perspektiven- und Arbeitslosigkeit mündete und gesundheitliche Schäden, geringere Lebenserwartung als in der Mehrheitsgesellschaft, hohe Säuglingssterblichkeit und soziale Probleme wie Alkoholismus und Gewalt in der eigenen Familie sowie hohe Kriminalitäts- und Suizidraten zur Folge hatte.
Gleichzeitig wurde ihre Umwelt zu Lande wie zu Wasser immer mehr durch die globale Umweltverschmutzung verseucht. Nicht nur die Inuit spüren hautnah wie ihre Umwelt „zu einer der größten Müllkippen der Welt“ (GfBV Bericht 2006, S.71) verkommt. Die Spitze des Eisbergs sind die hohen Strahlenwerte durch Atommüllablagerungen in der Kolasee, Barentssee und Karasee oder auch die unbekannte Strahlenverseuchung des Thulegebietes durch den Absturz eines B-52 Bombers, der Atombomben an Bord geführt hatte sowie die militärischen Experimente der 1960er allen voran die Versorgung einer Soldatenstadt „Camp Century“ unter dem Inlandeis durch ein Atomkraftwerk.
Klimawandel
Mittlerweile sind die Indigenen der Zirkumpolarregionen auch einem derart massiven Klimawandel ausgesetzt, dass ihre traditionellen Lebensweisen grundlegend bedroht sind. Daher fordern Indigene des Nordens allen voran die Inuit, die in den USA bereits eine entsprechende Umweltklage eingebracht haben, immer vehementer ihr Recht auf Kälte ein und damit die Reduzierung der Emissionen von Treibhausgasen durch Industrieländer wie die USA.
Seit rund 30 Jahren beobachten Indigene wie sich die arktische Umwelt durch die globale Erderwärmung zusehends verändert. Das Wetter und die Eisbedingungen werden auch für erfahrene Jäger immer unvorhersagbarer. Das Meereis bildet sich immer später und bricht immer früher auf. Zudem ist das Eis dünner und gefährlicher, sodass immer mehr Jäger an früher sicheren Stellen einbrechen und ihr Leben lassen. Eisbären und Walrosse gehören auf Grund des Klimawandels bereits zu den bedrohten Tierarten. Neue Tier- und Pflanzenarten dringen in die Arktis vor und verändern sukzessive Flora und Fauna.
Die Gletscher ziehen sich immer weiter zurück, der Permafrostboden taut immer tiefer auf, sodass die Tundra in den Sommermonaten unbegehbar wird. Das Auftauen des Bodens hat auch Auswirkungen auf die Statik von Gebäuden, Straßen und Pipelines. An vielen arktischen Küsten nimmt die Küstenerosion derart zu, dass ganze Häuserzeilen und Siedlungen (wie im Fall von Shishmaref in der Beringsee) vom Meer weggespült werden.
Der Klimawandel – in der Arktis ist er zweimal schneller als im globalen Durchschnitt – ist so massiv, dass sich Mensch und Tier nicht mehr anpassen können.


Ausblick
Die Arktis gilt als Weltbarometer und was sich heute im Norden ereignet, wird sich morgen in südlicheren Gefilden fortsetzen. Steigt die Erderwärmung weiterhin so rasant an, dann werden weltweit die Meeresspiegel ansteigen und nicht nur kleine Südseeatolle, sondern auch weite Landstriche auf der ganzen Erde in den Meeresfluten versinken, sodass Millionen von Klimaflüchtlingen zu erwarten sind.
Durch den massiven Klimawandel sind auch territoriale Konflikte und Grenzstreitigkeiten in den Zirkumpolargebieten vorprogrammiert, wenn beispielsweise bislang unpassierbare Seewege wie die Nordwest- und Nordostpassage oder das Nordpolarmeer befahrbar werden oder wenn vormals vergletscherte Landstriche für den Abbau von Bodenschätzen frei werden. Der 2005 zwischen Kanada und Dänemark-Grönland ausgebrochene Streit um die Hans Insel (grönländisch Tartupaluk) in der Naresstraße zwischen Nordgrönland und der kanadischen Ellesmere Insel war hier nur ein kleiner Vorgeschmack. Auch das zirkumpolare Wettrennen um die Kontrolle des Nordpols und damit um die Bodenschätze und Fischressourcen im Nordpolarmeer ist längst eröffnet.
Um zukünftige Gebietsansprüche, Begehrlichkeiten im Rohstoffabbau oder die Kontrolle von Seewegen durchsetzen zu können, sind auch militärische Konflikte in Zukunft nicht auszuschließen. Nicht nur schon bestehende Militärstationen wie Fort Greely in Alaska, Alert Bay und Happy Valley Goose Bay in Kanada oder die amerikanische Thule Air Base in Nordgrönland könnten weiter aufgerüstet, sondern auch neue angelegt werden. Weitere Vertreibungen von Indigenen wie 1953 in Thule könnten die Folge sein.
Wie schon Ronald Reagans Star Wars Programm und George Bushs Jr. Anti Missile Defense System gegen die sogenannten „Schurkenstaaten“ wird sich auch ein neuerliches zirkumpolares Wettrüsten vor der Haustür von Inuit und anderen Indigenen abspielen, denn „Sie [in dem Fall waren die Amerikaner gemeint] betrachten unsere Heimat als Einöde“ (Aqqaluk Lynge, ICC Grönland 2000 zitiert im GfBV Bericht 2006, S.54). Im Kampf um Land und Ressourcen werden wahrscheinlich die Indigenen der Zirkumpolarregionen weiterhin die Zeche zahlen müssen und damit auch in Zukunft zu den Verlieren gehören.
Verwendete Quellen:
Bauer, Stefan & Stefan Donecker & Aline Ehrenfried & Markus Hirnsperger. 2005 Bruchlinien im Eis. Ethnologie des zirkumpolaren Nordens, Reihe: Beiträge zum zirkumpolaren Norden – Contributions to Circumpolar Studies Bd.1, Münster-Hamburg-Berlin-Wien-London: LIT Verlag
Freeman, Milton R. & Lyudmila Bogoslovskaya & Richard A. Caulfield & Ingmar Egede & Igor I. Krupnik & Marc G. Stevenson. 1998 Inuit, Whaling, and Sustainability, Walnut Creek: Altamira Press, London-Neu Delhi: Sage Publications
GfBV Bericht (Yvonne Bangert & Ulrich Delius & Jeannette Geesmann & Sonja Meyer & Sarah Reinke & Kerstin Veigt). 2006 Die Arktis schmilzt und wird geplündert – Indigene Völker leiden unter Klimawandel und Rohstoffabbau, Menschenrechtsreport Nr.44 der Gesellschaft für bedrohte Völker, Redaktion: Yvonne Bangert und Sarah Reinke
Traeger, Verena. 2005 Der Rechtsstreit der Inughuit versus Dänemark, in Bauer et.al., S.71-86
Traeger, Verena. 2007 Das Recht auf Kälte. Inuit und die globale Erderwärmung – der eiskalte Krieg um Ressourcen und Land, in: Bedrohte Völker Nr.3/10/2007, Wien: Gesellschaft für bedrohte Völker – Österreich, S.18-20
Weiterführende Websites: