Sibirien - Versuch einer Standortbestimmung
Joachim Otto Habeck
Anlässlich der Rekonstitution der DGV-Regionalgruppe Sibirien soll an dieser Stelle kurz (und notwendigerweise unvollständig) skizziert werden, wie diese Region in der öffentlichen Wahrnehmung einerseits und im Fach Ethnologie andererseits verortet ist.
Sibirien in der öffentlichen Wahrnehmung
Das Bild Sibiriens in der deutschsprachigen Öffentlichkeit ist sehr widersprüchlich. Sibirien ist eine Region der Extreme (Habeck 2005) – nicht nur in klimatischer Hinsicht:
- Sibirien ist ein Land der Verbannung und Deportation; andererseits zeugen die großen Erschließungsprojekte wie Transsib und BAM vom Enthusiasmus der an ihrem Bau beteiligten Menschen.
- Die unermesslichen Weiten der Taiga und Tundra prägen das Landschaftsbild Sibiriens; andererseits gilt Sibirien als eine Region, die von einer Vielzahl von Umweltproblemen betroffen ist (Erdöl- und Erdgasförderung, Klimawandel usw.)
- In Sibirien lebt eine Vielzahl indigener Völker, von denen angenommen wird, dass ihre traditionelle Lebensweise in einer gewissen Harmonie mit der Umwelt stand; diese Lebensweise scheint nun bedroht durch Unweltzerstörung, kulturelle Assimilierung und Globalisierung.
In der Wahrnehmung Sibiriens lassen sich gewisse Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen ausmachen: eine nicht geringe Zahl älterer Ostdeutscher kennt das Sibirien der Sowjetzeit aus eigener Erfahrung, weil sie an den dortigen Bauprojekten beteiligt waren. Für Westdeutsche überwiegt dagegen nach wie vor die Konnotation der Verbannung. Erst in den letzten Jahren entwickelte sich Sibirien zu einem touristischen Reiseziel. Die meisten Touristen sind vor allem an den Naturschönheiten und den traditionellen Lebensweisen der indigenen Bevölkerung interessiert. Viele Besucher erhoffen sich zudem von einer Reise nach Sibirien eine spirituelle Bereicherung.
Sibirien in der deutschsprachigen Ethnologie
Einige Fachhistoriker sind überzeugt, dass die Erforschung Sibiriens (speziell zu Zeiten der Frühaufklärung) maßgeblich zur Formulierung der theoretischen Grundlagen des Faches Völkerkunde beigetragen hat (Vermeulen 2006). Sibirien lieferte im 19. und 20. Jahrhundert empirisches Material zur Untersuchung klassischer anthropologischer Fragestellungen wie z. B. die Interaktion von Tier und Mensch, die Wechselbeziehungen zwischen Jagd und Pastoralismus, die Entwicklung komplexer Glaubensvorstellungen. Daher sind gerade Schamanismus und Rentierhaltung traditionelle Themen der ethnologischen Forschung in Sibirien. Von etwa 1930 bis 1985 waren die Möglichkeiten ethnologischer Feldforschung in Sibirien stark eingeschränkt, daher wandten sich die Forschungsaktivitäten vor allem historischen Fragestellungen zu. Das internationale Netzwerk von Sibirien-Experten, das von Franz Boas und anderen um 1900 aufgebaut wurde, konnte zu Zeiten des Kalten Krieges nicht aufrechterhalten werden. Unter anderen aus diesem Grund fristete die Sibirienforschung im deutschsprachigen Raum eine sehr marginale Existenz. „Spontane“ Forschungsreisende in den späten 1980ern und 1990ern sowie die wieder aufgenommene Kommunikation zwischen Fachkollegen in Russland, Nordamerika und Europa haben zur Neuentstehung eines internationalen akademischen Netzwerks geführt (Gray, Vakhtin, Schweitzer 2003). Mit dem Sibirienzentrum des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung wurde die Sibirienforschung in Deutschland neu positioniert.
Die DGV-Regionalgruppe Sibirien, die sich im März 2008 rekonstituiert hat, versteht sich als Basis für eine weitere Vernetzung und Belebung der Sibirienforschung an Hochschulen und Instituten im deutschsprachigen Bereich. Darüber hinaus will sie die Medien bei ihrer Berichterstattung über Sibirien mit fachlicher Kompetenz unterstützen und die kulturelle Diversität der Region in der Öffentlichkeit stärker bewusst machen.
Literaturverweise
Gray, Patty, Nikolai Vakhtin and Peter Schweitzer 2003. “Who owns Siberian ethnography? A critical assessment of a re-internationalized field”. Sibirica, 3 (2): 194-216.
Habeck, Joachim Otto 2005. "Kulturlandschaft Sibirien". In: Max-Planck-Gesellschaft Jahrbuch 2005, pp. 161-166. Online-Version
Vermeulen, Han F. 2006. "The German invention of Völkerkunde: ethnological discourse in Europe and Asia, 1740-1798“. In: Eigen, Sara and Mark Joseph Larrimore (eds): The German invention of race, pp. 123-146. Albany: State University of New York Press.